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Hepatitis E in Deutschland – eine lebensmittelbedingte Zoonose?

Die Hepatitis E Virus-Infektion galt lange als eine reiseassoziierte Erkrankung. Seitdem jedoch für die Hepatitis E eine Meldepflicht nach dem Infektionsschutzgesetz besteht (2001), wurden in den letzten Jahren immer mehr Krankheitsfälle diagnostiziert, die ohne Reiseanamnese (autochthon) in Deutschland erworben wurden.
Ob dies mit einer steigenden Inzidenz der Erkrankung oder mit verbesserten Nachweismethoden und häufigeren Testungen zusammenhängt, ist aktuell noch ungeklärt.

Meldejahr                           2004  2005  2006  2007  2008  2009  2010 (Jan-Jul)
Hepatitis-E-Fälle                    53      54     51     73     104   108    114
davon Deutschland                21      23     24     45      70     85      89
als möglicher Infektionsort

Anzahl an das RKI übermittelter Hepatitis-E-Fälle (Referenzdefinition) und der Anteil mit Nennung von Deutschland als möglichem Infektionsland nach Meldejahr, Deutschland 2004 bis Juli 2010 (Quelle: RKI)

Epidemiologie
Serologische Daten zeigen eine Antikörperprävalenz von 1-3% in Deutschland, in anderen europäischen Ländern liegt die Prävalenz bei 10-17% (Dänemark, Frankreich, Spanien und Italien) [Bendall]. Dabei scheinen Personen mit hohem Tierkontakt (z.B. Bauern, Jäger, Schlachter) ein erhöhtes Expositionsrisiko zu besitzen.

Virus
Das Hepatitis E-Virus ist ein kleines Einzelstrang-RNA-Virus.
Es gibt 4 humanpathogene Genotypen. Die Genotypen 1 und 2 sind in Südostasien, Afrika und Mexiko endemisch und für die typischen reiseassoziierten HEV-Infektionen verantwortlich, wobei Genotyp 3 in Europa, Australien und Nordamerika endemisch ist.
Dieser Genotyp 3 ist nicht nur humanpathogen, es zeigt sich auch eine hohe Durchseuchung der Wildschwein- und auch der Hausschwein-Populationen [Baechlein].
Durch PCR-Untersuchungen konnte HEV auch im Klärwasser von Industrienationen (USA, Spanien) nachgewiesen werden [Rodriguez-Manzano].
 
HEV-Genotyp 1       Asien (Indien, Burma, Pakistan, China) und Nordafrika          
HEV-Genotyp 2       Zentralamerika (Mexico)                                                    
HEV-Genotyp 3       Menschen, Schweine, Ratten u. Wild aus den USA u. Europa  
HEV-Genotyp 4       China und Taiwan                                                            
HEV-Genotyp 5       Vögel, kein Hinweis für Humanpathogenität                        
Nicht klassifizierte   Aus Argentinien, die keinem bisherigen Genotyp                 
Isolate                  zugeordnet werden konnten                                             
Pischke et al. 2010

Übertragung
Die Übertragung des Virus erfolgt fäkal-oral.

Die reiseassoziierte Infektion erfolgt in den meisten Fällen über die Virusübertragung durch unsauberes Trinkwasser bei schlechten hygienischen Bedingungen.

Bei den autochthonen Fällen in Deutschland werden als Infektionsquelle Tierkontakte oder Verzehr von unzureichend gegarten tierischen Lebensmitteln (Schweinefleisch, insbesondere Wildschwein -z.B. Salami, Innereien-, aber auch Schellfisch) beschrieben [Colson].

Klinik
Grundsätzlich ist die Hepatitis E eine akute Hepatitis mit selbstlimitierendem Verlauf. Die Inkubationszeit beträgt ca. 3-8 Wochen. Die meisten HEV-Infektionen verlaufen asymptomatisch, möglicherweise treten nach einem Prodromalstadium mit unspezifischen Symptome wie Muskel-/Gelenkschmerzen, Fieber, Schüttelfrost, Effloreszenzen und abdominelle Beschwerden Hepatitis-spezifischere Symptome wie Ikterus, Entfärbung des Stuhls und Dunkelfärbung des Urins auf.
Oftmals ist eine Hepato-/Splenomegalie tastbar. Laborchemisch sind Bilirubin, Transaminasen und Gamma-GT erhöht. In der Regel sistieren die Symptome nach 4-6 Wochen und es kommt zur Normalisierung der Enzyme.
Aber auch fulminante Verläufe sind beschrieben, besonders bei Patienten mit bestehendem Leberschaden und bei Schwangeren.
Bei Immunsupprimierten (z.B. nach Organtransplantation oder HIV-Infektion) sind chronische Verläufe einer HEV-Infektion beschrieben worden [le Coutre].
 
Die klinisch manifeste akute Hepatitis durch HEV ist ein seltenes Ereignis, jedoch sollte bei unklarer Hepatitis differentialdiagnostisch eine HEV-Infektion abgeklärt werden.

Diagnostik
In der Regel sind bei Auftreten der Symptome Antikörper (IgG und IgM) gegen das Virus nachweisbar.
Um den Verdacht einer akuten Infektion zu bestätigen, sollte die HE-Viruslast mittels PCR aus Stuhl und Serum bestimmt werden.

Bild-Beschreibung

Therapie
Es existieren bislang keine virusspezifische medikamentöse Therapie, kein Hyperimmunglobulin und keine Postexpositionsprophylaxe.
Wissenschaftliche Arbeitsgruppen versuchen Impfstoffe gegen HEV zu entwickeln, derzeit finden sich zwei Impfstoffe in Phase II und III.

Eine zwischenmenschliche Übertragung ist selten, dennoch sollte in der Ansteckungsphase (bis zu 3 Wochen nach den ersten Krankheitssymptomen) auf die Einhaltung einer strengen Hygiene geachtet werden, da alle Körperflüssigkeiten/Ausscheidungen infektiös sein können.

Abrechnung
Die Abrechnung der Antikörper erfolgt über „ähnliche“ Ziffern. Diese Untersuchungen müssen durch Angabe der Diagnose begründet werden.

Bitte vergessen Sie nicht, auf den Überweisungsschein die Ausnahmeziffer 32006 zu vermerken.

Literatur
Baechlein et al., Vet Microbiol 2010
Bendall et al. J Med Virol 2010
Colson et al, JID 2010
le Coutre et al., Gut 2009
Pelosi & Clark, Em Health Threats J 2008
Pischke et al., Dtsch Med Wochenschr 2010
Pischke et al., HIV&more 2010
Rodriguez-Manzano et al., 2009
www.rki.de

Geographische Verteilung der HEV-Genotypen [Pelosi]

Bild-Beschreibung

(Diagnostik-Info 263, Stand: April 2011)

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